Wie werden Häuser zum Grätzl*, wie werden Quartiere zur Stadt?

Reisebericht von Andrea Gremmer, stellvertretende Geschäftsstellenleiterin und Projektleiterin, Gst. Hannover

Blick über den Tellerrand: die NLG auf Fachexkursion in Graz und Wien

Vom 13. bis 16.10.2021 war eine kleine Abordnung der Niedersächsischen Landgesellschaft in Österreich unterwegs, um verschiedene Stadtentwicklungsprojekte kennenzulernen und sich von den Nachbarn in Sachen nachhaltige Stadtentwicklung inspirieren zu lassen. Am Nachmittag des 13. Oktober trafen alle Teilnehmer in Graz ein. Eine Truppe aus Hannover via Flughafen Wien und der andere Teil aus München, wo vorher die ExpoReal auf dem Plan stand. Bei bestem Herbstwetter stand uns der erste Abend zur freien Verfügung. Perfekt, um das wunderschöne Graz zu erkunden.

 

Am nächsten Morgen ging es dann früh los und wir widmeten uns ganztägig den Reininghausgründen. Dabei handelt es sich um die Revitalisierung eines 54 ha großen ehemaligen Brauereigeländes zum neuen, zukunftsfähigen Zentrum im Grazer Westen. 20 Quartiere werden von unterschiedlichen Grundstückseigentümern nach einem Rahmenplan entwickelt, 5.200 Wohneinheiten entstehen. In einer sog. Sockelzone werden zudem unterschiedlichste Gewerbebetriebe und Dienstleistungen der Bereiche Gesundheit, Soziales, Kultur und Unterhaltung angesiedelt. Der Branchenmix wird dabei vorgegeben, so dass ein lebendiges Quartier entsteht, das den Bewohnern vielfältige Nutzungen in ihrer Nachbarschaft ermöglicht. Wir bekamen spannende Einblicke in den Masterplan und die planerischen Rahmenbedingungen, die Organisationsstruktur und die Akteurslandschaft.

 

Dann ging es weiter nach Wien. Anhand sechs weiterer Stadtentwicklungsprojekte (In der Wiesen Ost, Kabelwerk, Wildgarten, Sonnwendviertel, Leben am Helmut-Zilk-Park und Biotope City) wurden uns in den folgenden zwei Tagen die Herausforderungen in der heutigen Baugebietsentwicklung noch ausführlicher aufgezeigt: zu hohe CO2 – Werte, Wasserprobleme, Überhitzung, Gefahren bei Unwetter, trauriges Ortsbild, schlechte Stadtluft, Entstehen sozialer Brennpunkte u.s.w.. Themen also, die auch wir in Niedersachsen immer häufiger diskutieren. Alle besichtigten Projekte waren geprägt durch hohe Verdichtung.

 

Durch das Programm führte uns an allen Tagen Claudia Nutz, die am Planungsprozess für die Reininghausgründe in Graz wesentlich mitgewirkt hat, sich auch in allen Wiener Projekten bestens auskannte und uns tiefe Einblicke in die Entwicklungsprozesse gab. Perfekt vorbereitet und effizient führte sie uns durch alle Projekte, organisierte Vorträge und Stadtteilführungen mit Blick hinter die Kulissen, ließ Stadt- und Fachplaner, Verwaltungsmitarbeiter sowie Projektentwickler zu Wort kommen. Vielen Dank auch an dieser Stelle für die tolle Organisation!

So werden Häuser zum Grätzl und Quartiere zur Stadt

Die Bausteine für eine nachhaltige Stadtentwicklung sind ein Mix aus ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten: Die ökologischen Herausforderungen werden durch hohe Energieeffizienz im Gebäude, sehr komplexe Gebäude und Gebäudetechnologien und architektonische Vielfalt gemeistert. Viele Gebäude werden bereits in Holz- oder Holzhybridbauweise hergestellt. Gründächer mit Retentionsfunktion sind Standard. Die Zertifizierung nach DGNB und ähnliche Standards ebenfalls.

Auch Mobilität ist ein großes Thema. PKW-Stellplätze sind nur für ca. 50 % der Wohnungen vorgesehen. Der ruhende Verkehr wird in Tiefgaragen am Rande der Quartiere untergebracht. Auf Straßen, Wegen und Plätzen im Wohnviertel spielen Autos eine sehr untergeordnete Rolle. Überall sind großzügige Frei- und Grünflächen zu finden, das Fahrrad ist das bevorzugte Verkehrsmittel. S-Bahn Anschlüsse werden eigens für neue Wohnquartiere gebaut und idealerweise mit Bezug der ersten Wohnungen fertiggestellt. Vergünstigte oder sogar kostenlose Bahntickets und Fahrradwerkstätten schaffen Anreize für die Nutzung dieser alternativen Mobilität.

 

Mit großen Anstrengungen wird eine hohe Wohnqualität erzeugt. Die Bewohner sollen sich im Quartier so wohl fühlen, dass sie jeden täglichen Bedarf auch dort decken. Diverse Gemeinschaftseinrichtungen (z.B.: großartige Schwimmbäder auf den Dächern der Hochhäuser) sind für alle Bewohner nutzbar und ein bunter Mix an Angebotsformen zum Wohnen wird geboten: frei finanzierter vs. geförderter Wohnbaus, Miete vs. Eigentum, diverse Wohnungsgrößen, smarte Wohnungen, Wohnungen für Menschen mit speziellen Bedürfnissen, zu betreuende Wohnungen etc.. Ein Stadtteilbüro organisiert immer neue Veranstaltungen (z.B. Maroni rösten, Stadtteilspaziergänge, kulturelle Highlights) um Bewohner zusammenzuführen und sorgt so für ein lebendiges Miteinander im Quartier.

 

Große Aufmerksamkeit gilt dem Bereich Grün. Große Bäume werden gepflanzt, Frischluftschneisen werden erhalten, Urban Farming wird praktiziert und Fassaden werden begrünt.  „Blattgrün ist das weitaus effizienteste und kostengünstigste Mittel zur Milderung von Hitzestress und Umweltfolgen.**“ Besonders durchdacht ist auch der Umgang mit dem Regenwasser: Regenwassernutzung und -versickerung nach dem Prinzip der Schwammstadt und dem Stockholmer Modell zeigen, dass es auch vielfältige Lösungen jenseits des klassischen Kanals gibt.

 

Zurück zur Ausgangsfrage: Grätzl entstehen also durch das Nebeneinander von diversen Angebotsformen für Wohnen verbunden mit einer hohen Aufenthaltsqualität für die Bewohner, durch vielfältige Grün- und Freiräume und die Möglichkeit, alle täglichen Bedarfe in der Nachbarschaft decken zu können. Schlaues Stadtteilmanagement führt alle Komponenten auch nach Fertigstellung des Stadtteils immer wieder zusammen. 

 

„Die Schuhsohlen sind durchgelaufen“

Beeindruckt, erschöpft und auch etwas erschlagen von den vielen Eindrücken sind wir am Samstagabend wieder am Flughafen Hannover gelandet. Abschließend lassen wir einfach unsere Teilnehmer zu Wort kommen. Welche Erkenntnisse haben sie gewonnen? Wie haben sie diese außergewöhnliche Tour erlebt?

Christopher Toben

 „Wir brauchen einen neuen Ansatz, ein neues Rollenverständnis bei der Quartiersplanung. Immer ausgehend von der Frage, ob man selbst in dem Quartier würde leben wollen. Bei uns liegt die Verantwortung für ein lebendiges und vielfältiges Quartier und zwar sachlich, fachlich und planerisch.“ 

Tim Kettemann

„Herrliches Wetter, gut gelaunte Truppe, inhaltsreiche und hervorragend organisierte Veranstaltung mit Erkenntnissen für unser eigenes Geschäft. Schuhsohlen sind durchgelaufen, die Leberwerte haben sich mittlerweile normalisiert, Dank an alle Beteiligten für die konstruktive Zeit.

Fazit: Wien und Graz klotzen, Hannover kleckert, aber die NLG wird das ändern.“ 

Andreas Kutscher

 „Immer wieder ein tolles Gefühl, über den berühmten Tellerrand zu schauen und neue Ideen für die tägliche Arbeit zu erhalten“ 

Paul Eldag

Die städtebauliche Exkursion hatte interessante Innenentwicklungsprojekte und kompetente Gesprächspartner zu bieten. Der intensive Erfahrungsaustausch zeigte, wie wichtig eine frühzeitige Planung und konsequente Umsetzung ökonomischer, ökologischer, sozialer und baukultureller Aspekte für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung ist. Unbedingt wiederholenswert.“ 

Moana Meves

„Ich war fremd, und Ihr habt mich aufgenommen“ – das biblische Zitat trifft es irgendwie. Ich bin noch keine drei Monate bei der NLG. Menschen, Themen, Aufgaben – so viel ist neu für mich. Die Exkursion wirkte da wie ein Turbo Booster, erstens, weil ich in kurzer Zeit unheimlich viel gelernt habe und zweitens, weil mich das Team sooo herzlich aufgenommen hat. Danke dafür!" 

Matthias Mueller

„In der Jugendsprache würde man ‚Voll Cool‘ zu dieser Dienstreise sagen, was etwa so viel bedeutet, dass es eine extrem gut organisierte Tour mit zahlreichen Projekten, unterschiedlichen Wohngebietsformen und kompetenten Vorträgen und Referenten war. Trotzdem blieb noch etwas Zeit auch Graz und Wien mit dem NLG-Team zu erkunden. Es war somit eine rundum gelungene Veranstaltung.“ 

Andrea Gremmer

 „Eine gelungene Mischung aus Arbeit und Spaß, neuen Eindrücken und Bestätigung von Erfahrung. Vieles lässt sich auf unsere Projekte übertragen. Und: auch in Österreich gilt „gut Ding will Weile haben. Herzlichen Dank an die Geschäftsführung der NLG, die diese Exkursion ermöglicht hat!"

 

Foto v.l.n.r. Paul Eldag, Andreas Kutscher, Christopher Toben, Moana Meves, Andrea Gremmer, Tim Kettemann, Matthias Mueller, Claudia Nutz

 

* Die Identität eines Grätzls wird durch die Unterscheidung von benachbarten Gegenden oder ein eigenes Lebensgefühl bestimmt. Wie beim Veedel in Köln und bei den Kiezen in Berlin handelt es sich bei einem Grätzl um eine „‚gefühlte‘ sozialräumliche, alltagsweltliche Kategorie“ (Grätzl – Wikipedia)

**Helga Fassbinder, Stadtplanerin und Gründerin der Stiftung Biotope City